Die Polizei verzeichnete heuer in Herisau bereits über 130 Vorfälle mit Jugendlichen. Am 4. Juni widmete sich eine FDP-Veranstaltung dem Thema Gewalt und Sicherheit. 60 Leute nahmen daran teil, darunter Direktbetroffene.
Wenig Handfestes, aber viel Interessantes bot die FDP-Podiumsveranstaltung zum Thema «Gewalt und Sicherheit» am Donnerstagabend. Die Ad-hoc-Umfrage zeigte, dass sich rund ein Drittel der 60 Anwesenden schon einmal bedroht fühlte in Herisau. Ein Jugendlicher schilderte, wie er am Bahnhof regelmässig von Gleichaltrigen angepöbelt wird: «Selbst wenn ich ruhig an ihnen vorbeigehe, treten sie mir von hinten in die Beine.» Über 130 Mal stand die Ausserrhoder Kantonspolizei heuer schon wegen Jugendlicher im Einsatz.
Die Dunkelziffer liege wohl noch höher, so Hansjörg Ritter, Kommandant der Ausserrhoder Kantonspolizei an der Veranstaltung.
Keine Patentrezepte
Der Abend zeigte auf, dass es keine Patentrezepte gibt gegen die Gewalt. Die Kantonspolizei tut heute schon viel, wie Hansjörg Ritter und Max Nef, Chef des Polizeipostens Herisau, ausführten. Insgesamt sind 18 Polizisten in der Gemeinde stationiert, davon vier Jugendkontaktpolizisten. Das ist zu wenig, sind sich die beiden Spezialisten einig.
«Um die nötige Präsenz markieren zu können, leisten meine Mitarbeitenden freiwillig Dienst», sagte Max Nef. In der Gemeinde gelte es rund 40 Plätze regelmässig zu kontrollieren. Am Bahnhof hat sich seiner Meinung nach die Situation in den letzten Wochen beruhigt. Dazu beigetragen habe ein Gespräch von Vertretern der Appenzeller Bahnen, Südostbahn, Regiobus, Avec-Shop, Kantonspolizei und Jugendlichen. Zudem konnten vorübergehend einige Rädelsführer aus dem Verkehr gezogen werden.
Solche Massnahmen sind indes teuer. Gemeinderat Thomas Bruppacher, Vorsteher des Ressort Soziales, meinte dazu: «Wenn wir alle Fremdplazierungen vornehmen würden, die sich die Polizei wünscht, wüsste ich nicht, wie unser Budget im Einwohnerrat aufgenommen würde.» Untätig bleiben die Behörden deswegen aber nicht. Alle zwei Wochen treffen sich Polizei-Postenchef Nef und Bruppacher sowie Gemeindepräsident Paul Signer zu einer Lagebesprechung.
Grenzen aufzeigen
Paul Signer befürwortete am Donnerstagabend ein härteres Durchgreifen: «Wenn jemand Grenzen verletzt, muss man ihm klar zeigen, dass er Grenzen verletzt hat.» Es genüge nicht, dreimal «meimei» zu sagen und erst beim vierten Mal einzuschreiten. Hansjörg Ritter bestätigte, dass das Jugendstrafrecht beim ersten Vorfall milde Strafen vorsehe. Auch er wünschte sich ein konsequenteres Vorgehen. Dem Jugendanwalt attestierte er indes eine gute Arbeit.
Eine wichtige Rolle übernehmen die Erziehungsberechtigten. Die beiden Polizeivertreter führten aus, dass die Eltern manchmal erstaunlich gleichgültig reagieren würden, wenn ihre alkoholisierten Kinder aufgegriffen wurden. Gemäss Max Nef wurde kürzlich erstmals ein Elternpaar verzeigt, weil es seinen Pflichten nicht nachgekommen sei. «Jetzt sind wir gespannt, wie die Justiz darauf reagiert.» Nicht immer stammen die Kinder jedoch aus zerrütteten Verhältnissen. Ebenso wenig seien es immer Ausländerkinder, die durch ihre Gewalttätigkeit auffallen.
«Begünstigt durch Alkohol- oder Drogenkonsum kommt es heute oft ganz spontan zu Gewalttaten», sagte Max Nef. Hansjörg Ritter erklärte seinerseits, dass nur ganz wenige Jugendliche straffällig würden. Die überwiegende Mehrheit (mehr als 90%) verhalte sich gut.
Grossteil fühlt sich sicher
Die Ad-hoc-Befragung zeigte denn auch, dass der Grossteil der Anwesenden noch nie bedroht wurde in Herisau. 15% (13 Leute) gaben an, sich in der Gemeinde unwohl zu fühlen.
Hansjörg Ritter sagte, dass die Kantonspolizei alles daran setzen wolle, dass sich die Leute sicher fühlen. Neben einer verstärkten Polizeipräsenz könnte seiner Meinung nach auch eine Videoüberwachung eine Verbesserung der Situation bringen. Zudem propagierte er, die offene Jugendarbeit zu intensivieren. Eine Bürgerwehr hingegen erachtet er als «falschesten der falschen Wege». Der Staat müsse das Gewaltmonopol haben.
Patrick Kobler